Was (nicht) glücklich macht

Gepostet von am Mrz 3, 2014 in Blog

Was (nicht) glücklich macht

„Warum leben Optimisten länger?“ fragt der renommierte Glücksforscher, Martin Seligman, in seinem Buch „Der Glücks-Faktor“. Die Antwort liefert er in einem prägnanten Satz der Positiven Psychologie: „Das Leben ist zu kurz, um unglücklich zu sein!“

In Tests und praktischen Anregungen zum Glücklichsein kann der Glückssucher persönliche Stärken erkennen, diese mit Forschungsbeispielen vergleichen und sich natürlich selbst auf den Weg zum Glück machen. Denn, so Seligman (Nomen est Omen), „Jeder Mensch trägt den Keim zum Glück in sich.“ Wohl wahr, wie ich als ressourcenorientierter Verhaltenstherapeut und Coach seit Jahren in unzähligen Klientenkontakten immer wieder staunend erfahre und bestätigen kann: Es sind nicht die menschlichen Defizite an sich, die Schicksalsschläge und (Un-)Tiefen, die das Leben beschweren. Ohne sarkastisch klingen zu wollen: Wir haben es selbst im Hirn und in der Hand, unglücklich zu sein, und ebenso bestimmen wir und niemand sonst, ob wir glücklich sind.

Die ebenfalls sehr bekannte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky weiß, dass nur 50 Prozent unseres Glücksempfindens genetisch festgelegt sind, weitere 10 Prozent hängen von den Lebensumständen ab. Aber sage und schreibe 40 Prozent können wir aktiv beeinfussen durch die Art, wie wir uns und die Welt sehen und wie wir mit unseren Möglichkeiten umgehen. Nein, die rosa Brille selbsternannter Heils- und Glücksapostel mit der Illusionsbotschaft „Alles ist gut; und wenn nicht, dann wird alles gut“ weise ich strikt von mir – das Leben ist nun mal kein Kuschelzoo. Aber es darf doch angenehm (und erfolgreich) zugehen, wenn wir uns für Wohl und Stolz öffnen und uns entscheiden, Lasten möglichst leicht zu tragen. Schließlich sollten wir uns auch nicht allzusehr beklagen, wenn´s mal mühsamer zugeht (Psychologen nennen das „Frustrationstoleranz“).

Falsch ist der Glaube so mancher Zeitgenossen (unsere schnelllebige Zeit verführt leider dazu), dass Abkürzungen direkt zum Glück führen. Eigene Stärken und Tugenden wie Humor, Ausdauer und Mitgefühl lassen sich nicht schnell, mal so eben im Vorbeigehen erhaschen. Glück lässt lange auf sich warten, wenn ich nicht aktiv etwas dafür tue. Wird die Lösung der Probleme und die Gunst vom Himmel, vom Staat oder automatisch erwartet, verhungert quasi der Glückssucher im eigenen Anspruch. Folgen sind Verlust an Authentizität, die auch Grenzen und widerstrebende Bedürfnisse berücksichtigt (Alles hat seinen Preis, ob beim Hobby oder Diätieren). Die Glückssuche wird zum frustrierten Hinterherlaufen oder gar zur Sucht mit dem Ergebnis innerer Leere und Depression. Nicht umsonst sind Befindlichkeitsstörungen und Über- wie auch Unterforderungen (Burnout, Boreout) Zeichen unserer Konsumzeit: Der hoche Glücksanspruch ist das klassische Merkmal der Überflussgesellschaft; Arme Regionen leiden paradoxerweise weniger an Depression, wie Kulturvergleiche zeigen.

Konsumierendes Lustgefühl – das ist das nächste Ergebnis der Glücksforschung – hält nicht lange an und nutzt sich rasch ab (Das kennen wir, wenn wir unsere Lieblingsspeise zu oft oder zu intensiv genießen wollen). Geldvermehrung macht auch nicht wirklich froh, meist schielt der Geldstreber nach Mehr und ärgert sich über das zu Wenig. Genießen braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Maß halten – Ich behaupte, dass ein kleines Bier, genussvoll langsam mit allen Sinnen genossen, angenehmer und nicht nur günstiger ist als eine volle Maß (von Völlegefühl und Katerstimmung ganz zu schweigen). Also: Glück und Genießen gehen nicht nebenbei, erfordern achtsam wahrgenommene Gegenwart und sind vor allem eins: individuell. Ja, das ist eine gute Nachricht – Die schönen Glücks-Tipps führen tatsächlich zum Erfolg, wenn sie individuell, das heißt den eigenen Vorlieben, Zielen und Werten angepasst, sowie geduldig und engagiert angewandt werden. Der Eine sieht sein wahres Glück in der perfekt gezüchteten Rose, der Andere in der Hilfe für Andere, der Dritte im erklommenen Berggipfel.

Glück kann ich also durchaus im momentanen, hedonistischen Genuss finden, wobei das Staunen im Kleinen oft mehr wiegt als das große Aufsaugen (das weiß schon der Kleine Prinz von Exupéry). Ich sollte mich nicht zu sehr daran gewöhnen, sondern entweder die Glücksquelle wechseln oder – das ist die zweite wichtige Ebene – auf meine Talente bauen und diese für mich und meine Mitmenschen einsetzen. Dies nennt man dann selbstwirksame, an die eigenen Stärken glaubende Energie, die unveränderbare Tatsachen von beeinflussbaren Möglichkeiten unterscheidet und sich für letzteres einsetzt. Bis hin zum Flowgefühl, wenn die Zeit scheinbar stillzustehen scheint. Wenn man aufgeht im Tun und nicht nachdenkt oder in Frage stellt.

Sie merken schon, Glück verträgt sich nicht mit Ärger und Grübeln (über Verpasstes, Ungenügendes oder Unmögliches). Nicht, dass Sie mich missverstehen: Ärger ist kein schlechtes Gefühl an sich, denn es schafft Energie für aktive Änderung von Missständen. Aber: Die wissenschaftlich fundierte und erfahrungsgesicherte Positive Psychologie betont im Unterschied zum banalen Positiven Denken, dass Dankbarkeit und Vergeben glücklich machen, nicht Hadern und Selbstbezogenheit. Dies ist eine klare antinarzisstische Haltung. Martin Seligman geht von folgendem Lebensethos aus:

– einem Selbstwertgefühl, das auf erbrachten Leistungen beruht

– einem Mensch, der sich nicht als Opfer von Umständen sieht

– einem Individualismus, der sich zügelt

– einem Glück, das sich Zeit nimmt.

Modern formuliert komme ich dann glücklicherweise in eine Win-Win-Situation. Glück vermehrt sich, wenn ich es teile und pflege. Für mich und Andere. Professor Seligman machte dazu ein Experiment mit seinen Studenten auf die Frage hin, ob Glück eher durch Freundlichkeit oder durch Spaß entsteht: Die Ergebnisse haben tatsächlich bei den Probanden Leben verändert. Die lustvollen Aktivitäten wie „einen draufmachen“ verblassten im Vergleich zu den altruistischen, Talente nutzenden Aktivitäten. Während die positive Nachwirkung spaßiger Betriebsamkeit rasch abebbte, verlief der philantropische Tag nachhaltig besser. Eine Teilnehmerin, die ihren Neffen bei einer entscheidenden Schularbeit unterstützte, konnte den gesamten restlichen Tag besser zuhören und genoss das Gefühl der Herausforderung und Hilfe. Banal? Dann hilft vielleicht eine kleines eigenes Experiment: Probieren Sie, wie auch und wann auch immer, während der nächsten Woche Folgendes:  Machen Sie entweder einen Schnappschuss eines glücklichen Momentes, sprechen Sie einer anderen Person ehrlich empfundenen Dank aus oder erwischen Sie sich selbst beim Lachen, das ansteckt. Wenn Sie es dann auch noch schaffen, nicht „ja, aber“ zu sagen, sind Sie glücklich – zumindest für diesen einen Augenblick. Andere werden folgen.

Literaturtipp: „Der Glücks-Faktor. Warum Optimisten länger leben“